wood

“Dieser Duft ist unverkennbar. Süßlich, weich, ja, obwohl die Kälte hier draußen undurchdringlich ist, scheint er sogar ihre Wärme zu tragen. Ich bin hell wach, obgleich ich gerade noch schlief.”

“Der vergilbte Schleier, der sonst zu Tagesanbruch ein anhänglicher Begleiter zu sein pflegt, schwer und zäh über meinen Augen, sowie meinen Körper fließt und mich langsam macht, ist nicht zu spüren.”

“Ich bin wach. Gespannt. Jeder Muskel ist bereit mich zu tragen, zu tun was ich will. Der Hauch, der mich streift ist so zart, dass meine Instinkte mir ihre Entfernung versichern. Doch während ich noch über den Weg durch das klamme Geäst nachdenke, bemerke ich, dass ich mich schon auf der Jagd befinde . Ich denke nicht mehr. Mit jedem Meter ihrer entgegen verursacht der immer schwerer werdende Duft in meinem Körper mehr Fieber. Ein säuerlicher Geschmack tief in meinem Gaumen kündigt den Speichel an, der bald strömen wird. Ich hetze, ich jage, ich weiß genau, was ich tue.”

“Mittlerweile müssen es einige Kilometer sein, die ich schon zurückgelegt habe. Ich bin so konzentriert, dass ich den Schmerz, der sicher in meinen Beinen brennt, nicht wahrnehme.”

“Der Duft ist jetzt zu stark und es können nur noch Sekunden sein, bis ich sie erblicken werde. Wie ich es mit den Jahren gelernt habe, bewege ich mich jetzt langsamer, ich schleiche, senke den Kopf, suche Hinterhalt. Schmiege mich an jeden Baum, berühre meinen Weg. Sieht sie mich zu früh, kann alles vergebens sein, denn die Hatz hat mich schon müde gemacht. Eine Chance, das bin ich gewohnt. Die Erwartung ihrer Schönheit beginnt mich irr zu machen. Sie muss schön sein, wunderschön. Ich kann es riechen. Schauer wandern über meinen Körper. Aber all das hindert nicht meine Konzentration. Und da! Endlich. Dort. In der Lichtung weilt sie. Ganz ruhig. Kein Anzeichen, sie könne Gefahr gewittert haben. Ich harre nun hier. Beobachte mein Opfer, betrachte die Lichtung genau. Der Weg, auf dem ich mich weiter nähern werde, ist mir schnell klar und Verdacht wird sie nicht schöpfen. Dazu bin ich zu gut, zu schnell, zu erfahren. Einige Augenblicke labe ich mich an ihrer unschuldigen Gestalt. Weiß wie Schnee, noch keine Spuren. Wie Seide, so zart ist ihre Haut. So jung sie ist, ihr Körper spricht eine Sprache, die mit Unschuld nicht viel gemein hat. Gerade das ist der Grund, warum ich nun hier bin, warum ich im Fieber bin.”

“Noch zwei Schritte, nur ihr zu muss ich wenden und ich bin dort, wo ich sein will, so wie ich sein muss. Alles ist auf sie gerichtet. Sehnsucht, Verlangen, Spannung, Gier. Mein Körper wartet nur auf ein Signal, um loszubrechen, auf sie sich zu werfen und ihr Fleisch kann ich bereits zwischen meinen Zähnen spüren. Fühlen, wie es langsam unter dem Druck meines Kiefers zerreißt, wie sich ihr warmes, köstliches Blut in meinem Mund verteilen wird. In Bächen wird es meinen Hals entlang wandern während ihr Geschmack langsam anfängt mein Fieber zu stillen.

Die Schauer werden immer stärker und gleich wird mich nichts mehr halten. Sie blickt kurz auf. Ich entfessele mich. Wie aus einem Lauf schieße ich auf sie nieder und wie Kugeln treffen meine Klauen ihren Körper, ihren Hals und bohren sich in ihr Fleisch. Aus ihrem Gesicht sind Entsetzen, Ohnmacht und Grauen die einzigen, die sprechen. Doch lange wird sie nicht leiden. Es sei denn, ich will es. Will ich es?”

Ja. Ergötze ich mich an ihrer Wehrlosigkeit? An ihrem Leid? Nur ein Biss und sie wäre erlöst, doch ich beginne mein blutiges Werk, beginne sie auszuweiden, zu zerreißen und wende meinen Blick dabei kaum mehr als Augenblicke von Ihrem. Sie ist bereits gelähmt, kann sich kaum noch regen. Nur vereinzeltes Zucken durchquert das, was Sekunden vorher noch Schönheit und Leben verkörperte, doch ihre Augen flehen mich fortwährend an das Spiel zu beenden. Ich denke nicht daran…

“…Und erst als ich vollends gesättigt bin und aufschaue bemerke ich, dass ihr Leib leblos und ihre Augen erloschen sind. Alles, was mich eben noch im Rausch beben ließ, ist nun gestorben. Ich betrachte nur noch eine Hülle. Selbst ihren Duft scheine ich getötet zu haben.”

“Es ist jetzt so still. Als wäre nicht nur sie verendigt, sondern auch alles um sie herum. Die letzte Wärme entweicht dem Kadaver in Schwaden. Ich dagegen bin am Leben. Die Befriedigung wird einige Zeit in mir leben. Sie wird einige Zeit in mir leben. Zumindest das kann ich ihr geben.”